Dankbar leben

Predigt am Erntedankfest 2008
Gochsheim, 4./5.10.2008
Text: Hebr 13, 15-16
So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. 16 Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Liebe Gemeinde!
„Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot. Mein Finanzberater.“ So ging vor einigen Jahren eine Werbung, ich weiß nicht mehr, für welche Bank. Im Moment sieht es so aus, als hätten diese wunderbaren Finanzberater ihre Häuser ein ganzes Stück zu groß gebaut, ihre Autos zwei Nummern zu groß gekauft und auf das Boot besser ganz verzichtet. Von 700 Milliarden US-Dollar ist da die Rede in den USA, und nochmal 350 Milliarden Euro hier in Deutschland. Eine Summe, die ich mir nicht vorstellen kann. Deshalb zum Vergleich: 700 Milliarden Dollar - das ist etwas mehr als der gesamte Bundeshaushalt für eineinhalb Jahre. Das ist genug Geld, um Hunger und Armut in Afrika für 10 Jahre wirksam zu bekämpfen. Oder AIDS-Medikamente für 42 Jahre in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen. Es ist auch ziemlich genau so viel Geld, wie der Irak-Krieg gekostet hat.
Ja, es gibt viele Menschen auf der Welt, denen ist im Moment nicht nach Erntedank zumute. Denen hat es nicht nur die Ernte verhagelt, sondern gewissermaßen noch die Scheune und den ganzen Fuhrpark dazu. Von „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ ist nichts mehr übriggeblieben. Nicht einmal mehr der Finanzberater.
Unwillkürlich muss ich dabei an unser heutiges Evangelium denken, vom reichen Kornbauern, der immer mehr anhäufte, und der doch nichts mehr davon hatte.
Wie gehen wir um mit dem, was wir haben? Wie können wir wirkliche Sicherheit haben? Sicherheit, die nicht nur für dieses Leben hier gilt, sondern auch über den Tod hinaus? Eine Sicherheit, die nicht abhängig ist von Kursschwankungen, vom Wert des Geldes, auch nicht davon, wie die Ernte ausfällt?
Unser heutiger Predigttext ist kurz, aber er sagt uns in aller Deutlichkeit, wie das geht. Wie wir zu einem wirklich erfüllten Leben kommen können. Einem Leben, dem letztlich auch solche wirtschaftlichen Krisen nichts anhaben können.
Aber bevor ich dahin komme, möchte ich ein ganz kleines Stück zurückgehen im Hebräerbrief. Nur einen einzigen Vers vor unseren für heute vorgeschlagenen Text. Da steht ein sehr nachdenklicher Satz, der oft zitiert wird im Zusammenhang mit dem Tod: Ein Vers, der genau darauf hinweist, dass unser Leben eben vergänglich ist: Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. Wir gehören nicht endgültig hierher. Wir gehören in eine andere Welt, in eine andere Stadt, die Gott für uns baut. Hier, in diesem Leben, sind wir nur zu Gast. Dort, in dem Leben, das Gott für uns bereithält, da sind wir zu Hause. Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Und nun kommt unser Predigttext, und er erinnert uns daran, dass unser Leben gerade deshalb ein Geschenk Gottes ist. Er fordert uns auf, einfach nur dankbar zu sein: „So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“
Lobopfer: Das bedeutete für die Juden damals eigentlich: Wenn ich Gott loben will, dann schenke ich ihm etwas Wertvolles. Ein Tier. Vielleicht manchmal auch Geld. Auf jeden Fall: Ich gebe etwas ab, was mir wichtig ist. Ganz ähnlich, wie wir das mit unseren Erntegaben am Altar heute machen. Und doch anders, denn es erschien dem frommen Juden als eine Pflicht, Gott auf diese Weise zu loben und ihm zu danken.
Für den Hebräerbrief ist die Sache klar: Diese ganze Opferei, das ist alles gar nicht nötig. Das einzige Opfer, das Gott wirklich will, das ist unser Glaubensbekenntnis. Das einzige Opfer, das Gott wirklich will, ist, dass wir vor den Leuten zu unserem Glauben und zur Sache Jesu stehen. Im Lutherdeutsch: „Das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“
Ja, wir haben Grund, Gott dankbar zu sein. Mag sein, dass viele von uns Sorgen haben. Mag sein, dass viele von uns, die wir hier sitzen, Schulden haben. Haus gebaut, Auto gekauft. Eine Investition getätigt, die im Nachhinein gar nicht so gut war. Und dann wird auch noch alles immer teurer, das Geld reicht vorn und hinten nicht. Und trotzdem: Wir können dankbar sein. Bei allen Sorgen: Uns geht es gut. Hier in Deutschland kommt es praktisch nicht vor, dass ein Kind vor Hunger stirbt. Hier in Deutschland mag es auch Ungerechtes geben und bittere Armut, und doch sind wir im Vergleich wirklich reich. Ob wir, egal wo wir wirtschaftlich gerade stehen, es schaffen, eine andere Perspektive einzunehmen? Schaffen wir es, wegzukommen vom Jammern, hin zum Dankbarsein? Weg vom Streben nach Besitz und Erfolg, hin zu der Einsicht: Was ich habe, habe ich nicht aus mir allein. Ja, ich weiß, das ist schwer. Ich kann das selber auch nicht immer. Und doch: Es würde den eigenen Blick verändern, wenn wir das schaffen. Das wäre nicht mehr „Mein Haus, mein Auto, mein Boot.“ Das wäre, ja, wie soll ich das eigentlich ausdrücken? Vielleicht so: „Gott, ich freue mich, dass du mir so viel geschenkt hast. Dass ich so erfolgreich bin. Dass ich mir so vieles leisten kann.“
Merken Sie was? Merken Sie, was aus so einer dankbaren Haltung als ganz natürliche Konsequenz folgt? So einen dankbaren Satz, den kann man nicht einfach so stehen lassen. Er hat Folgen. Ich spinne ihn einmal weiter. „Gott, ich freue mich, dass du mir so viel geschenkt hast. Dass ich so erfolgreich bin. Dass ich mir so vieles leisten kann. Ich möchte, dass auch andere sich daran freuen können. Zeig mir, wo ich gebraucht werde.“
Und schon sind wir beim zweiten Satz unseres so kurzen Predigttextes: Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Darum geht es heute, am Erntedankfest. Dass wir die Gaben, die wir geschenkt bekommen, dankbar annehmen. Und dass wir sie nicht nur für uns behalten. Dass wir weiter denken. Dass wir sie einsetzen für andere. Nicht nur mal irgendwie ein bisschen Geld spenden für die Armen. Sondern – wie soll ich das ausdrücken? - dankbar leben. Dazu lädt unser heutiger Predigttext uns ein.
Dankbar leben: Das ist das Opfer, das Gott gefällt. Dass wir dankbar erkennen, was er uns schenkt, und davon weitergeben an andere.
So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen. Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
- Blog von Heiko Kuschel
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